Vortrag von Ulli Naefken – gehalten auf der DESTINATION MEETS ONLINE 2012

Impuls, Kreta, uLNa.STUDIOS

Tourismus 2.0 – Das Urlaubs-Korrespondenten-Netzwerk
GĂ€ste sind die besten Botschafter einer Destination

Mein Name ist Ulli Naefken, ich habe Filmproduktion studiert. WĂ€hrend meines Studiums und danach beschĂ€ftigte ich mich mit dem Thema „User Generated Content“ und welchen Einfluss dies auf alle Branchen hat. Es freut mich sehr, dass ich ein zweites Mal auf Kreta sein darf. Mein erstes Mal war im Januar 2001 – also vor elf Jahren. Damals habe ich ganzen fĂŒnf Personen von meinem Urlaub auf Kreta erzĂ€hlt. Das Netzwerk bestand aus unseren beiden Nachbarn, von denen einer uns zum Flughafen gefahren hatte, meiner Oma und zwei Arbeitskollegen. Es war die Zeit ohne facebook, YouTube, iPhone und iPad.

Heute – im April 2012 – bin ich nun wieder hier. Aus dem Mini-Netzwerk von fĂŒnf ist ein Netzwerk von ĂŒber 1.000 Personen geworden, die ĂŒber facebook, twitter & Co. mich auf meiner Reise hier nach Kreta begleiten. 1.000 Follower, Fans oder Freunde, die mir – zum Großteil – im realen Leben einmal begegnet sind und mit denen ich ĂŒber das Medium Internet den Kontakt aufrechterhalten kann: Ehemalige Klassenkameraden, ehemalige Kollegen, Kunden, Verwandte, Freunde, Nachbarn und Urlaubsbekanntschaften.

Aus einem Netzwerk von fĂŒnf wurde innerhalb von elf Jahren ein Netzwerk von 1.000 – was hat sich in den vergangenen elf Jahren verĂ€ndert?

Ich möchte drei Dinge hervorheben:

1. Vernetzungsdichte: In den letzten fĂŒnf Jahren ist die Vernetzungsdichte in der Welt enorm gestiegen: Internetdienste wie facebook, twitter, XING & Co. haben uns Nutzerinnen und Nutzer ein weltumfassendes Beziehungsnetzwerk weben lassen. Die Welt hat sich im Bewusstsein Vieler zum globalen Dorf entwickelt. Fast jeder Winkel der Welt wird beobachtet und die Geschehnisse von unseren „Freunden“ fĂŒr uns dokumentiert. Es liegt lediglich an uns selbst, die Scheu vor den neuen medialen Möglichkeiten abzulegen und sich auf dieses Terrain vorzutrauen. facebook ist hier der grĂ¶ĂŸte Profiteur des Zeitgeistes.

2. Smartphone-Penetration: Können Sie sich noch an ihr erstes Handy erinnern? Meins war groß, schwer und von Motorola. Ich konnte damit telefonieren und SMS versenden. Der Akku war so dick wie meine Hand und das Display nicht besser als ein Taschenrechner. Durch Apple, HTC & Co. wurde aus dem schlichten Telefon ein mobiles Taschenmesser: Heute können sie mit dem Smartphone im Internet surfen, Fotos und Videos produzieren, Musikhören, Angry Birds spielen, sich die BettlektĂŒre herunterladen – auch ja – und ab und zu auch noch telefonieren. Ein mobiler Alltagsbegleiter von morgens bis abends.

3. Webvideos: Wenn sie fĂŒr das Fernsehen oder Kino einen Werbespot produzieren lassen wollen, mussten sie frĂŒher tief in die Tasche greifen: Die Technik war teuer, das Personal musste angeheuert werden. Richtig große Werbefilmproduktionen drehten frĂŒher auf Zelluloid. Mit dem Aufkommen der Videokassette in der 80er-Jahren emanzipierte sich die Filmherstellung und das Filmeanschauen. Bewegte Bilder waren auf einmal bezahlbar und man wurde zum eigenen Programmdirektor: Man konnte das Fernsehprogramm aufnehmen und zeitversetzt anschauen. Hobbyfilmer mussten Kassetten kopieren, um so ihr Publikum zu erreichen – die Reichweite der Videofilme kam somit nicht an die Reichweite des Fernsehens und Kinos heran. Im Jahr 2005 bekam das Medium Video neuen RĂŒckenwind. YouTube wurde geboren und ist seitdem mit an der Spitze der meistbenutzten Webdienste – und zwar von Zuseher- als auch von der Filmhersteller-Seite. Jede und jeder kann nun TV-Sender sein: FrĂŒher war das Hochzeitsvideo nur fĂŒr die eigene Familie gedacht – heute kann es weltweit jede und jeder abrufen.

Wie kann man die Vernetzungsdichte, die Smartphone-Penetration und Webvideos fĂŒr den Tourismus 2.0 nutzen?

Wir halten fest: Jeder Netzwerkknoten ist eine real existierende Person. Diese Person bewegt sich redaktionell in den ihr vertrauten Themengebieten: Interessiert sie sich fĂŒr‘s Kochen, fĂŒr den Reitsport oder ihre Heimat wird die Person in ihren Tweets bei twitter bzw. in ihren Posts bei facebook genau darĂŒber berichten. VerlĂ€sst diese Person nun ihr heimatliches Territorium und begibt sich auf eine Urlaubsreise, dann nimmt sie ihr komplettes Netzwerk mit: 500 Freunde bei facebook, 300 Follower bei twitter und 75 Abonnenten bei YouTube verfolgen jede einzelne Etappe ihrer Reise. Die Person schlĂŒpft in die Rolle eines Urlaubs-Korrespondenten bzw. einer Urlaubs-Korrespondentin und dokumentiert in Form von Fotos, Videos und BlogbeitrĂ€gen ihre Reise und teilt so EindrĂŒcke und Erlebnisse mit dem Netzwerk. Das Netzwerk wiederum hat die Möglichkeit mit dem Urlaubs-Korrespondent bzw. der Urlaubs-Korrespondentin zu interagieren und mit seinem Netzwerk die Urlaubsfotos zu teilen.

Dies ist kein Zukunftsszenario, sondern es passiert heute, hier und jetzt! Personen nutzen die Social-Media-Plattformen, um ĂŒber ihre aktuellen Ferienerlebnissen zu berichten. Aber nicht nur das: Ich habe bei facebook einen Freund, der ĂŒber den letzten Sommer auf Mallorca gearbeitet hat und uns via facebook vom Inselleben berichtete. Ein weiterer facebook-Freund arbeitete mehrere Monate auf einem Kreuzfahrtschiff und hat uns so mitgenommen auf seine Reise rund um die Welt. Ich habe zur Zeit auch die Rolle als Urlaubs-Korrespondenten inne und berichte meinem Netzwerk von meiner Kreta-Reise.

Frage in die Runde: Wer berichtet ebenfalls den facebook-Freunden zuhause von der „Destination meets online“? (Demo! Sollte sich jemand melden: „Könnten Sie ein Foto von mir machen wie ich hier stehe und vortrage? Ich wĂŒrde das Foto gerne jetzt auf meiner Pinnwand posten?“ – Foto)

Hier das entstandene Foto.

Wie könnte man als Teil einer Urlaubsdestination nun die Urlaubs-Korrespondenten unterstĂŒtzen? 7 Anregungen.

1. Schaffen Sie die Infrastruktur: Ich will – nein – ich muss als Urlaubs-Korrespondent immer online sein. Im Hotel, am Flughafen und den SehenswĂŒrdigkeiten sollte es immer freies Internet fĂŒr alle geben. Ich mache hier und jetzt mit meinem iPhone ein Foto. Ich möchte es hier und jetzt hochladen. Dazu benötigt man einen freien W-Lan-Hotspot, der es jeder und jedem ermöglicht, sich online seinem Netzwerk mitzuteilen.

2. Im Urlaub lernt sich leichter: Bieten Sie in Ihren Hotels Schulungen zum Thema „Wie fotografiere ich richtig?“, „Wie schneide ich ein Video?“, „Wie funktioniert eigentlich facebook?“ an. Es gibt nirgends besser Motive als bei Ihnen: Buchten, Berge und SonnenuntergĂ€nge. Dies alles gehört festgehalten und geteilt. Durch freiwilliges und generationsĂŒbergreifendes Ausprobieren macht lernen Spaß! Die GĂ€ste werden es Ihnen danken, da Sie das Gelernte gleich in der Praxis anwenden können.

3. Stellen Sie sich einen kleinen Technikfundus an Equipment zusammen: Technik, die Ihre GĂ€ste ausleihen können. Neben Kameras und Computer sind internetfĂ€hige Smartphones am Wichtigsten – denn nicht jeder Gast hat einen mobilen Internet-Flat-Tarif fĂŒr das jeweilige Urlaubsland.

4. Was frĂŒher die Postkarte war, ist vielleicht heute eine Videobotschaft? In New York kann man direkt aus einer Umkleidekabine in einem ModegeschĂ€ft via Videospiegel das Netzwerk fragen, ob das Kleid einem steht. Warum nicht eine solche Box inkl. Videospiegel in einer Boutique oder neben der Rezeption im Hotel aufstellen? So lassen sich Videosgrußbotschaften oder Videoanfragen Ihrer GĂ€ste an das jeweilige Netzwerk aufnehmen und via eMail oder facebook versenden.

5. Wenn es nicht die öffentlich zugĂ€ngliche Videobox sein soll, warum nicht vom Hotelzimmer aus? Die nĂ€chste Generationen an Flachbildschirmen werden u.a. mit Kamera und Smart TV ausgestattet sein. Somit wird aus jedem Hotelzimmer ein Filmstudio, von dem man aus online via Bildtelefonie mit Zuhause Kontakt halten kann.

6. Geocaching: Der Trend der elektronischen GPS-Schnitzeljagd in Form von Geocaching eröffnet jĂŒngeren Zielgruppen einen spielerischen Zugang zur Urlaubsdestination. Verstecken Sie gezielt an bisher unentdeckten Ecken Ihrer Urlaubsdestination Geocache-BehĂ€lter mit einer besonderen Belohnung.

7. Ein letztes: Nutzen sie QR-Codes an touristisch interessanten Orten! Erweitern Sie die QR-Guides mit einem netten Schmankerl: Nach Abfotografieren eines QR-Codes mit dem Smartphone öffnet sich eine mobile Website mit mehrsprachigen Audioguides. Die Audiodatei des Guides kann man in seiner jeweiligen Landessprache abspeichern und Zuhause oder im Hotel in ein Videoschnitt-Programm importieren und bei seinem selbst gefilmten Material als Tonspur unterlegen. Den fertigen Film lĂ€dt man bei YouTube hoch – so schnell bekommen Sie ein mehrsprachiges Imagefilmarchiv – produziert von Ihren GĂ€sten.

Ausblick

Mit der Zeit mĂŒsste fĂŒr jede Urlaubsregion auf diversen Internetplatformen eine Menge an Daten zusammengekommen, die man dann in einen allumfassenden Internetdienst zusammenfĂŒhren mĂŒsste. In einer großen Daten-Karte ließen sich fĂŒr jede Urlaubsregion Highlights und Hauptrouten der Urlauber herausfiltern: Wohin zieht es die deutschen Touristen? Wohin die Russischen? Die Urlaubsregion wird zum real existierenden Reisekatalog – nur nicht mehr in gedruckter, sonder in elektronischer Form.

Bis ich das nĂ€chste Mal auf Kreta sein werde, versorgt mich mein Netzwerk mit Reisedokumentation aus allen LĂ€ndern dieser Erde. Aus den damals fĂŒr mich sehr langatmigen Diaabenden bei Familie oder Freunden werden nun tolle Social-Media-Reportagen – live und in Farbe.

Wohin werden Sie mich mitnehmen?

Ich danke Ihnen.

Gehalten auf der DESTINATION MEETS ONLINE 2012 auf Kreta.


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🩾 Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet GrĂŒnde. 🎬